Die beiden Mädchen bei dem Zwerge

Schöne junge Mädchen waren nicht immer so sicher in der Heide wie heute und lange hat es gedauert, bis alle Geister und böse Zwerge vertrieben waren. Ein alter Schäfer hat mir von seinem Großvater erzählt, der noch wusste,  wie der letzte böse Zwerg aus der Gegend vertrieben wurde. Und das kam so:

Es war in der Zeit des großen Glaubenskrieges. Die Bauern waren verarmt und böse Geister und Zwerge hatten sich wieder ausgebreitet. Da war einmal ein Kuhhirt, der hatte eine Frau und zwei Töchter. Jeden Tag mussten sie ihm das Mittagbrot auf die Weide hinausbringen. So trieb er auch nun eines Morgens die Kühe fort und sagte beim Weggehen zu seiner Frau: „schick mir heut die Älteste hinaus mit dem Mittagsbrot“. Als es Mittag wurde, packte die Mutter das Essen in den Korb und schickte die älteste Tochter damit hinaus. Das Mädchen aber suchte den Vater lange und konnte ihn nicht finden. So setzte sie sich endlich auf einen Baumstamm am Wege und sang ein Lied, denn sie dachte, „das hört der Vater vielleicht, und dann wird er doch rufen.“

Und sie sang und sang, und sang immer lauter und voller, dass es herrlich weithin über die Heide klang. Da stand auf einmal ein Zwerg vor ihr und sprach: „Ei, was kannst du herrlich singen! So schönen Gesang habe ich lange nicht gehört. Möchtest du nicht ein wenig mit mir in meine Höhle kommen, ich will dir zum Dank dort alle meine Herrlichkeiten zeigen?“ „ Warum nicht“, sagte das Mädchen und ging mit ihm hinab in seine Höhle. Als sie aber nun alle Schätze und die Pracht seiner Höhle gesehen hatte und wieder hinauf wollte, sagte er zu ihr: „Nein, das geht nicht an! Wählt: willst du meine Frau werden, oder deinen Kopf auf den Klotz legen?“ Da sagte sich traurig: „So will ich lieber meinen Kopf auf den Klotz legen,“ So legte es den Kopf auf den Kloth und und sogleich hieb ihr der Zwerg den Kopf ab.

Als nun der Kuhhirt abends nach Hause kam und erfuhr, daß die Frau seine älteste Tochter hinausgeschickt, die aber nichtheimgekehrt sei, da ward er sehr betrübt. Andern Tags aber, als er wieder hinauszog, sagte er zu seiner Frau: „Schick mir heut die Jüngste hinaus mit dem Mittagbrot, aber beschreib ihr ja den Weg recht genau.“ Da ging die Jüngste, als die Mittagszeit nahte,  hinaus und sie suchte wieder lange und konnte den Vater nicht finden. So setzte sie sich endlich auf einen Baumstamm am Weg und fing an zu singen, so herrlich und so wunderschön, daß es weithin über die Heide klang. Da stand auf einmal der Zwerg vor ihr und sagte: „Ei, was kannst du herrlich singen! So schönen Gesang habe ich lange nicht gehört. Möchtest du nicht ein wenig mit mir in den Berg kommen, da will ich dir alle meine Herrlichkeiten zum Dank zeigen?“ „ Warum nicht?“ sagte das Mädchen und nun ging’s grade wie bei der Ältesten. Als er sie aber fragte: „Willst du meine Frau werden, oder deinen Kopf auf den Klotz legen?“ da sagte sie:“ Nein, ich will lieber dein Frau werden“ und blieb bei ihm.

Nun war sie schon eine lange Zeit bei ihm, da bat sie ihn eines Tages, er möchte ihr doch einmal erlauben, daß sie nur ihre Eltern noch einmal sehen könnte, sie wolle ja gewiß zu ihm zurückkehren. Da erlaubte er es ihr. Aber sie mußte ihm versprechen, daß sie keinem Menschen verraten wolle, wo ihre Höhle sei. Nun ging sie zu ihren Eltern und die freuten sich so sehr, ach so sehr, daß sie ihre liebe Tochter einmal wiedersahen, und sie erzählte ihnen, wie es ihr ergangen sei. Aber wo die Höhle sei, das durfte sie nicht verraten. Endlich, als es nun Zeit war, aufzubrechen, da nahm sie traurig Abschied von den Eltern. Aber die Mutter sagte: „Weine nicht so sehr, meine Tochter, wir wollen dich schon wiederfinden“, und füllte ihr die Tasche mit Erbsen. „Die streue auf den Weg, wenn du zurückgehst.“ Und so tat sie auch. Da gingen ihr die Eltern nach mit dem ganzen Dorfe, und fanden die Zwergenhöhle. Sie machten ein großes Feuer vor der Höhle an und verbrannten den bösen Zwerg.

Die Zwerge gibt es nicht mehr, und es wird erzählt, wie die letzten Zwerge ausgewandert sind. Aber da es auch böse Menschen gibt, die schöne Mädchen in ihre Höhle locken wollen, warnen seither alle Mütter ihre Töchter davor, sich mitschnacken zu lassen.