Riesensteine in der Heide

Hin und wieder trifft der Wanderer in der Heide auf große Felsblöcke aus Granit. Die Gelehrten haben sich den Kopf darüber zerbrochen, wie diese Felsen wohl dorthin gekommen sind. Ich aber weiß es, denn ein Schäfer aus der Heide hat es mir erzählt. 

Und das war so: Vor vielen hundert Jahren hausten hier drei Riesen, groß wie die alten Tannen im Rodewald, bevor die Wölper Grafen die Bäume fällen ließen. Diese Riesen waren eine Plage für die Menschen, vor allem für Müller und Bäcker. Waren sie hungrig, zwangen sie die Müller alles Mehl herauszugeben und die Bäcker, ihnen alles Brot und alle Lebensmittel zu geben. Weigerten diese sich, so hielten die Riesen die Mühle an oder löschten das Feuer im Backofen.  Dann ergriffen sie alles und zogen lachend von dannen. 

Die Riesen liebten aber die Tiere. Wenn die Pferde die Karren mühsam durch die schlechten Sandwege schleppten und nicht mehr weiter konnten, so kam ein Riese herbei, ergriff das Pferd, legte es auf den Karren und trug alles bis zu besseren Wegen.

So trieben sie es viele Jahre bis sie dieses Lebens überdrüssig wurden und beschlossen: „Wir wollen mitten durch die Heide eine schöne Straße bauen. Und wer dann noch Pferde quält, wird aufgefressen.“ 

Nun gab es aber in der Heide keine Steine für die Straße. Im Harz lebten die feindseligen Bergriesen, aber im  Norden, bei den freundlichen Jötunn, gab es gute Steine. Also machten sie sich auf den Weg dorthin. Dort angekommen, brachen sie von den Bergen riesige Felsbrocken ab, packten sie auf die Schultern, steckten sich kleinere in die Ohren und trugen in jeder Hand große Brocken. So schichteten sie in kurzer Zeit bei Ulessen große Mengen an Felsen auf.

Als sie wieder fort waren, hatte jedoch ein Imker seine Bienenkörbe bei den Felsen aufgestellt. Als sie zurück kamen, traten sie mit ihren großen Füßen viele Bienen tot, die in der blühenden Heide Honig sammelten. Die Bienen wehrten sich, aber die Riesen schlugen mit ihren großen Fäusten um sich und zerquetschten viele von ihnen. Da wurden die Tierchen wütend und fielen zu Tausenden über die mächtigen Riesen her. Da ergriffen die Riesen die Felsen und warfen sie mit solcher Gewalt nach den Bienen, daß sie bis in die Nähe von Bekelinge flogen. Die Bienen aber jagten die Riesen bis ans Meer, wo sie sich in ihrer Qual ins Wasser stürzten und ertranken.

Hundert Jahre später nahmen die Menschen die Felsen, zerschlugen sie und bauten damit die Lüneburger Heerstraße, die alte Handelsstraße, die von Leipzig über Magdeburg und Uelzen bis nach Lüneburg führt.

Nach Carl Colshorn Märchen und Sagen aus Hannover